Wenn das Licht die Sterne schluckt




Es ist viel zu hell in den Städten der industrialisierten Welt: „Lichtverschmutzung" nennt sich das Phänomen. Neben der allgemeinen Beeinträchtigung des ökologischen Systems, vermuten Wissenschaftler nun auch einen Zusammenhang zwischen Nachthelligkeit und einem erhöhtem Krebsrisiko.

Der Aha-Effekt kommt meist im Urlaub: Wer nachts am Strand liegt und in den Himmel blickt, wer nach dem Sonnenuntergang vor der Berghütte verweilt, merkt mit einem Mal, wie viele Sterne das Firmament schmücken. „Komisch“, denkt sich der Großstädter, „zu Hause habe ich das nie wahrgenommen“. Kein Wunder, erforscht ist "Lichtverschmutzung" bislang kaum, Richtlinien wie etwa beim Lärm fehlen weitgehend. „Das Problem wird erst seit wenigen Jahren wahrgenommen, dabei beeinträchtigt es den Menschen und das gesamte ökologische System“, sagt der Wissenschaftler Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Er ist mit seinem Institut federführend an einem interdisziplinären Projekt beteiligt, das in den nächsten fünf Jahren die Gründe und Folgen der Dauer-Beleuchtung in Städten untersuchen will.

Die Kooperation trägt den Titel „Verlust der Nacht“, beteiligt sind Astrophysiker, Arbeitsforscher, Mediziner, Stadtplaner, Ökologen und Lichttechniker; Ziel ist die Entwicklung neuartiger Beleuchtungskonzepte und nachhaltiger Techniken.

Körper schüttet weniger Melatonin aus
Wenngleich die physischen und psychischen Belastungen für Stadtmenschen bisher nicht bezifferbar sind, legen doch Vermutungen nahe, dass ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus sogar die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung erhöht. Hölker verweist auf israelische Studien, laut denen die Zahl der Brustkrebs- und Prostatakrebserkrankungen am höchsten in den am stärksten mit Licht verschmutzten Regionen zu finden war. „Ganz genau kennt man die Mechanismen nicht“, sagt der Wissenschaftler zwar, will aber einen Zusammenhang zum Schlafhormon Melatonin nicht leugnen.
Ist es nachts zu hell im Schlafzimmer, schüttet der Körper weniger Melatonin aus – und der Schutz vor Krebs sinkt womöglich. „Melatoninmangel kann dazu führen, dass die chronobiologische Stabilität den Bach herunter geht“, sagt auch die Medizinerin Griefahn. Nicht auszuschließen sei zudem, dass das Immunsystem durch den schwindenden Tag-Nacht-Kontrast geschwächt werde. Ob das tatsächlich stimmt, wie dunkel es beim Schlafen idealerweise sein sollte – all das sind Fragen, die den Forscherverbund um das IGB in den kommenden Jahren beschäftigen werden.
Etwas weiter sind da die Tierforscher. Sie wissen, dass sich nachtaktive Tiere am Mond orientieren. Wenn sie den mit einer Straßenlampe verwechseln, verausgaben sie sich völlig und können vor Erschöpfung sterben: Stundenlang umkreisen sie das künstliche Licht und verlassen dafür ihren eigentlichen Lebensraum. „Es sind Unmengen Insekten, die wie von einem Staubsauger von Straßenlampen angezogen werden“, sagt Hölker.

Quelle: http://www.welt.de/gesundheit/article4511013/Wenn-das-Licht-die-Sterne-schluckt.html


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