Berlin verliert die Nacht




Wissenschaftler untersuchen die Folgen übermäßiger Beleuchtung. Sie vermuten ein erhöhtes Krebsrisiko und Auswirkungen auf den Hormonhaushalt.

Von Kristina Pezzei

Nachts trägt der Potsdamer Platz einen Heiligenschein. Kilometerweit strahlt das Gebäudeensemble - ohne besonderen Grund, allein durch die gewöhnliche Beleuchtung von Hochhäusern und Reklameschriftzügen. Diese Licht-Überflutung verschwendet nicht nur Energie: Sie bedroht die Gesundheit von Mensch und Tier.
"Die künstliche Beleuchtung nimmt weltweit um etwa sechs Prozent jährlich zu", sagt der Biologe Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Seit zwei Jahren erforscht er im Rahmen des interdisziplinären Projekts "Verlust der Nacht" die Folgen übermäßigen Kunstlichts. Das Projekt ist das erste seiner Art - lange wurde das Problem nicht wahrgenommen geschweige denn untersucht. Dabei halten es die Wissenschaftler für möglich, dass erhöhte Nachthelligkeit den Hormonhaushalt stört und das Krebsrisiko steigert.

Schuld an der fortschreitenden Erhellung der Nacht sind Firmen, die ihre Gebäude anleuchten, öffentliche Werbeflächen und wachsende Siedlungen mit ihrer Straßenbeleuchtung. "Wir stellen fest, dass immer mehr Häuser auch im ländlichen Raum angestrahlt werden, etwa historische Bauten", sagt Hölker. "Das ist manchmal ein regelrechter Wettbewerb."

In Berlin erhellen 180.000 elektrische Straßenlaternen das Stadtgebiet, hinzu kommen 44.000 gasbetriebene. Wolken verstärken das Licht. Indem sie es reflektieren, können sie seine Wirkung verzehnfachen. "Über Großstädten entstehen regelrechte Lichtglocken", sagt Biologe Hölker.
[...] Für den Menschen bedeute das einen Verlust an Erfahrung: "Man hat ja kaum noch einen Bezug zum Himmel."
Doch es geht nicht nur um einen kulturellen Verlust. Auch Tiere werden in ihrem Verhalten gestört: Zugvögel können ihre Flugroute verlieren, Insekten werden dezimiert, weil sie von künstlichen Lichtquellen angezogen werden. Der Mensch leidet auch körperlich: "Licht ist ein wichtiger Zeitgeber", erklärt Hölker. Jeder brauche den Wechsel von Hell und Dunkel, um seine innere Uhr einzustellen. "Wenn es dunkel ist, spielt der Körper sein Regenerierungs-Programm ab." Für den Menschen als eigentlich tagaktive Art sei das heutzutage ohnehin schon schwierig - er hält sich überwiegend im Haus auf, wo das Lichtniveau um ein Vielfaches niedriger ist als draußen. Die Folge: "Der Mensch erlebt den Tag-Nacht-Rhythmus nicht mehr so deutlich."
Langfristig kann das zu Schlafproblemen führen. Der Hormonhaushalt gerät durcheinander, der Körper schüttet geringere Mengen des Schlafhormons Melatonin aus. Damit kann etwa der Schutz vor Krebs sinken. Studien aus Israel legen nahe, dass in besonders nachthellen Gegenden vermehrt Brust- und Prostatakrebserkrankungen auftreten. In welchem Zusammenhang die Beobachtungen tatsächlich stehen und welche Dunkelheit zum Schlafen ideal ist - das müssen die Forscher noch herausfinden.

Quelle: taz


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