Kraft durch Hormone



Aufs Timing kommt es an
Wer sich ständig zu wenig Nachtruhe gönnt, stört seinen Hormonhaushalt. Stress und Licht sind die Feinde der Erholung.
Die zehn jungen Männer schienen auf den ersten Blick kerngesund. Ihre Hormonspiegel ließen sie jedoch alt aussehen. Um mehr als zehn Prozent war ihr Testosteron-Wert innerhalb von einer Woche gefallen - üblich ist ein Rückgang von etwa einem Prozent pro Lebensjahr.
Der Grund für diesen rasanten Verlust war ein Experiment. Im Schlaflabor der Universität Chicago verbrachten die Männer elf Nächte. Die ersten drei mussten sie zehn Stunden lang im Bett liegen. Anschließend wurden sie auf Schlafdiät gesetzt und stets nach fünf Stunden geweckt. In den letzten Nächten kam die Testosteron-Produktion kaum mehr in Gang. Entsprechend kraftlos fühlten sich die Probanden.
Während des Schlafs arbeiten die Hormonfabriken des Körpers auf Hochtouren. Den Startschuss gibt der Botenstoff Melatonin, sobald es dunkel ist. In der ersten Nachthälfte, während des Tiefschlafs, schüttet die Hirnanhangdrüse große Mengen Wachstumshormon aus - Haut, Haare und Nervenzellen wachsen. Das Sättigungshormon Leptin verhindert Hungergefühle. Cortisol gibt das Aufwachsignal.

Wie sich der Körper am besten erholt, hängt von Zeitpunkt und Dauer des Schlafs ab.
Beide Parameter sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Bis zum 30. Lebensjahr reift das Gehirn“, erklärt Dieter Kunz, Chefarzt der Schlafmedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. „Dann ist das Muster festgelegt, wie lange und wann man am besten schläft. Dieses Muster ändert sich im Laufe des Lebens nicht. Wenn doch, ist meist etwas faul.“
Viele Menschen verlieren jedoch das Gefühl für den Zeitpunkt der intensivsten Erholung. „Ich frage meine Patienten immer, wann und wie lange sie geschlafen hätten, wenn sie mit 20 Jahren sechs Monate auf einer einsamen Insel ohne Ablenkung gelebt hätten“, schildert Kunz. „Vielen fällt es erst mal schwer, sich das vorzustellen. Aber wenn sie länger darüber nachdenken, wird ihnen klar, wann sie am besten ins Bett gehen und wieder aufstehen müssten.“
Wie leicht sich der natürliche Ablauf stören lässt, zeigt eine aktuelle Studie. Schon 30 Minuten Licht am Abend stören die Melatonin-Produktion. „Wir wissen jetzt, dass dafür bereits eine Beleuchtungsstärke ausreicht, wie sie in jedem Badezimmer herrscht“, sagt Kunz. Fehlt das Dunkel-Signal, fällt die Erholung weniger intensiv aus.

Die wichtigste Ursache, dass Menschen nicht zur Ruhe finden, ist jedoch chronischer Stress.
Wer dauerhaft müde ist, dem fehlen essenzielle Botenstoffe. Schon sechs Nächte mit nur vier Stunden Bettzeit senkte bei Versuchspersonen den Blutspiegel des Hormons TSH, das die Schilddrüse anregt, um ein Drittel. Im gleichen Zeitraum sank der Wert des Sättigungshormons Leptin so stark wie innerhalb von drei Hungertagen mit nur 900 Kilokalorien täglich.
Wer so hungrig ist, verliert schneller die Kontrolle darüber, was gesund ist. In einem kürzlich veröffentlichten Versuch aus Schweden kauften die Teilnehmer nach einer Nacht Schlafentzug deutlich kalorienreichere Lebensmittel ein als im ausgeruhten Zustand.

Melatonin
Das Hormon der Dunkelheit macht ausgeruht.

Quelle: Fokus


Key Melatonin