Melatonin bei kindlichen Schlafstörungen



Dr. med. Peter Hunkeler
Pediatrica Vol. 24 Nr. 4 2013
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ADHS und Melatonin
Schlafstörungen beim ADHS werden sehr häufig beschrieben. Verschiedene Studien zeigen eine Prävalenz zwischen 50% und 80%, so dass Schlafstörungen als komorbide Störung beim ADHS bezeichnet werden können. Von den Eltern werden meist Einschlaf- und Durchschlafstörungen beschrieben. ADHS und Schlafstörungen können demnach gemeinsam auftreten, wobei sich die Frage stellt, welche der Störung zu den Symptomen wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität führt. Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten: 1. ADHS oder dessen medikamentöse Therapie führt zu Schlafproblemen, 2. Eine primäre Schlafstörung führt zu ADHS-ähnlichen Symptomen, 3. Beide Störungen kommen gemeinsam vor.
Es stellt sich die Frage nach dem korrekten therapeutischen Vorgehen. Der erste und wichtigste Schritt besteht in schlafhygienischen Maßnahmen (Tabelle 1). Eine Rhythmisierung des Tagesablaufes mit fixen Bettzeiten am Abend ist essentiell. Dies betrifft auch die Wochenenden, an welchen die Bettzeiten nicht mehr als 1 Stunde differieren sollten. Zudem sollten die Bettzeiten möglichst dem Schlafbedarf angepasst werden. Ein weiterer wichtiger Faktor sind die abendlichen Aktivitäten. Stimulierende Aktivitäten wie Computerspiele, Fernsehen oder übermäßige körperliche Arbeit sollten vor dem Einschlafen unterlassen werden. Koffein und Alkohol können den Schlaf ebenfalls negativ beeinflussen. Alkohol verkürzt zwar die Einschlafzeit, kann aber den Schlaf zu einem späteren Zeitpunkt stören. Das Verbringen von Zeit im Freien, besonders in den Morgenstunden mit Sonnenexposition, kann helfen, den zirkadianen Rhythmus aufrechtzuerhalten. Schlafmedikamente sind wie bei anderen Schlafstörungen nicht die erste Wahl.

Ist der Einsatz von Melatonin bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS als zusätzliche Maßnahme sinnvoll? Kombiniert mit schlafhygienischen Maßnahmen kann sich der Einsatz von Melatonin positiv auf die Einschlafdauer auswirken. In einer Studie mit ADHS-Kindern ohne medikamentöse Therapie zeigte sich eine Abnahme der Einschlafdauer und eine Verlängerung der Schlafzeit. Es waren allerdings keine Effekte auf der Verhaltensebene und bezüglich der kognitiven Leistungsfähigkeit zu erkennen. Leider gibt es praktisch keine Studien, die den Effekt von Melatonin über längere Zeit (> 6–9 Monate) dokumentiert haben. Weiter gibt es noch keinen Konsens darüber, welches die geeignete therapeutische Dosis ist. Auch die Frage nach dem Nebenwirkungsprofil kann nicht schlüssig beantwortet werden. Melatonin sollte demnach bei ADHS-Patienten mit Zurückhaltung eingesetzt werden.
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5) Corkum P. A framework for the assessment and treatment of sleep problems in children with atten- tion-deficit/hyperactivity disorder. Pediatr Clin N Am 2011; 58: 667–83.

Quelle: Pediatrica




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