Ich bin ein extremer Morgentyp



Barbara Griefahn erforscht, wie Menschen auf Licht und Dunkel reagieren

Frau Professor Griefahn, Sie sind Chronobiologin und arbeiten am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung in Dortmund. Was machen Sie da?

Barbara Griefahn: Wir erforschen, welche Lichtszenarien zum Beispiel bei Schichtarbeit vorteilhaft sein können. Außerdem wollen wir wissen, wie genau der Melatonin-Spiegel im Blut durch Licht beeinflusst wird.

Wie machen Sie das?

Griefahn: Wir hatten bis vor 14 Tagen 16 Probanden hier, denen wir stündlich Speichel abgenommen haben, um die Melatonin-Konzentration zu messen. Das haben wir im Sommer und im Winter gemacht, insgesamt jeweils 80 Tage im Sommer, 80 im Winter. Tagsüber haben wir sie acht Stunden lang rausgeschickt, abends hier im Keller schlafen gelegt, und sie jede Stunde geweckt. So haben wir komplette Melatonin-Verlaufskurven erstellen können.

Mit welchem Ergebnis?

Griefahn: Wir müssen alles noch genau auswerten, aber es sieht so aus, als ob die Melatonin-Bildung im Sommer besser funktioniert als im Winter.

Wie kommt das?

Griefahn: Der Kontrast von hell zu dunkel ist im Sommer einfach extremer. Das Sonnenlicht im Sommer hat eine Stärke von bis zu 100000 Lux, im Winter an einem bedeckten Tag sind es nur etwa 10000 Lux.

Was genau macht Melatonin?

Griefahn: Das Hormon Melatonin wird in sehr geringer, aber sehr effizienter Menge in Dunkelheit gebildet. Es steuert wesentliche rhythmische Abläufe im Körper, wie etwa die Atmung, den Herzschlag, die Körpertemperatur. Atmung und Herzschlag sind bei Nacht verlangsamt, die Körpertemperatur sinkt ab.

Ist es richtig, dass Licht das Tumorwachstum begünstigt?

Griefahn: Richtig ist, dass Melatonin eine onkostatische Wirkung hat, das heißt es fängt freie Radikale im Blut ab. Wenn die Ausschüttung von Melatonin gehemmt wird, weil etwa ein Mensch nachts arbeitet, kann das das Risiko an einem hormonabhängigen Krebs wie Brust- oder Prostatakrebs zu erkranken, erhöhen.

Astronomen, Biologen und Ökonome beklagen, dass die Nacht nicht mehr dunkel ist. Ist das auch gesundheitlich ein Problem?

Griefahn: Der Mensch reagiert auf Gegensätze. Früher war es nachts dunkel, tagsüber hell. Früher war es tagsüber laut, nachts leise, tagsüber warm, nachts kalt. Wir haben dank unserer zivilisatorischen Errungenschaften all diese Unterschiede abgeflacht. Es ist natürlich schön, dass wir nachts das Licht anmachen können, aber uns geht die chronobiologische Orientierung verloren, die den Lebensrhythmus einmal bestimmt hat.

Wir ticken also nicht mehr richtig?

Griefahn: Nicht jeder Mensch tickt gleich. Wichtig ist, seinen Rhythmus zu finden. Es gibt Morgen- und Abendtypen. Dazu haben wir auch Fragebögen entwickelt, die in Betrieben mit Schichtarbeit verwendet werden. Abendtypen sind natürlich eher für Nachtarbeit geeignet als Morgentypen.

Welcher Typ sind Sie?

Griefahn: Ich bin ein extremer Morgentyp. Heute saß ich schon um vier Uhr am Klavier und habe geübt. Um die Zeit kann ich mich am besten konzentrieren.

Das Gespräch führte Lioba Lepping

 

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger


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