Ist Frühjahrsmüdigkeit nur Einbildung?



Nein, sagt Dr. Hans-Günter Weeß Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin (DGSM) und Leiter des Schlafzentrums im Pfalzklinikum. Im Interview erklärt der Schlafmediziner, woher die Schlappheit im Frühjahr kommt und wie man ihr vorbeugen kann.

Die Frühjahrsmüdigkeit ist ein häufiges Phänomen in Ländern, in denen sich die Temperatur und Lichtverhältnisse mit den Jahreszeiten merklich ändern. In Deutschland fühlen sich geschätzte 50 Prozent der Menschen zum Frühlingsanfang müde, lustlos und schlapp. Dr. Hans-Günter Weeß Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin und Leiter des Schlafzentrums des Pfalzklinikums. Vorrangig beschäftigt sich der Mediziner mit der Diagnose und Therapie von Tagesschläfrigkeit.

Herr Weeß bilden sich Menschen die Frühjahrsmüdigkeit nur ein?
HANS-GÜNTER WEESS: Nein, davon gehe ich nicht aus. Etwa jeder Zweite ist von Frühjahrsmüdigkeit betroffen. Frauen trifft es häufiger als Männer - außerdem werden Jüngere und Ältere häufiger von Frühjahrsmüdigkeit befallen.

Woher kommt Frühjahrsmüdigkeit?
WEESS: Im Winter ist der menschliche Organismus im Sparmodus, der Energieverbrauch wird heruntergefahren und die Blutgefäße verengen sich. Wenn es wärmer wird weiten sich die Gefäße und es kommt zum Blutdruckabfall. Dann fühlt man sich müde, lustlos und matt. Auch Hormone spielen eine wichtige Rolle: Im Winter ist es länger dunkel und deshalb wird mehr Melatonin produziert. Das Hormon macht schläfrig. Wenn es Frühling wird werden die Tage zwar wieder länger, aber die Melatonin-Produktion braucht eine Weile, bis sie zurückfährt. Denn damit das passiert, muss Licht auf das Auge fallen.

Kann man der Schlappheit im Frühjahr vorbeugen?
WEESS: Ja, wenn Licht auf das Auge kommt, wird nicht nur weniger Melatonin produziert, sondern auch mehr vom Glückshormon Serotonin. Also am besten viel rausgehen und Sport machen. Alles was den Körper aktiviert und den Kreislauf stärkt, hilft. Man kann zum Beispiel in die Sauna gehen, wechselwarm duschen oder eine Bürstenmassage machen. Außerdem hilft es leichte Kost zu essen.

Werden Sie frühjahrsmüde?
WEESS: Bei mir bemerke ich es nicht. Aber ich habe auch genügend Schlaf und leide nicht unter chronischem Schlafmangel, wie viele andere. Heutzutage arbeiten viele Menschen nachts, oder früh am Morgen. Das ist nicht unbedingt mit der inneren Uhr vereinbar.

Wieso sind nicht alle davon betroffen?
WEESS: Das hängt von der Stärke des Kreislaufs ab. Weil Frauen im Schnitt einen schwächeren Kreislauf als Männer haben, leiden sie häufiger an Frühjahrsmüdigkeit. Menschen, die viel im freien arbeiten, sind eher weniger von Frühjahrsmüdigkeit befallen. Das hängt damit zusammen, dass sie mehr Licht abbekommen und es für sie ein fließender Übergang zwischen kurzen Tagen im Winter und langen Tagen im Frühjahr ist.

Wie lässt sich Frühjahrsmüdigkeit von anderen Erkrankungen, die für Antriebslosigkeit sorgen, unterscheiden?
WEESS: Frühjahrsmüdigkeit hält meist drei bis vier Wochen an. Fühlt man sich danach immer noch antriebslos und schlapp, sollte man zum Arzt gehen. Nach dieser Zeit kann die Müdigkeit auch auf eine ernsthafte Erkrankung zurückgeführt werden - zum Beispiel Eisenmangel, eine Schilddrüsenunterfunktion oder auf eine Depression.

Quelle: Südwest Presse

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