Licht in der Nacht behindert Brustkrebsbehandlung



28.07.2014
von Sascha Karberg

Selbst durch schwaches Licht in der Nacht werden Brusttumore resistent gegen das Medikament Tamoxifen.

Licht stellt die innere Uhr des Menschen. Und diese Uhr reguliert die Prozesse im Körper im Tag-Nacht-Rhythmus. Auch die Wirkung von Arzneien wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn der Biorhythmus aus dem Takt gerät. Dennoch war ein Forscherteam um Steven Hill von der Tulane Universität in New Orleans überrascht, wie stark selbst wenig nächtliches Licht das gängige Brustkrebsmedikament Tamoxifen hemmt.

Hill und Kollegen hatten Ratten, denen menschliche Brusttumore transplantiert worden waren, nachts schwachem Licht ausgesetzt – etwa vergleichbar mit der Lichtmenge, die von einer Lampe im Flur durch einen Türspalt ins Zimmer fällt, schätzt Hill. Daraufhin wirkte das Medikament Tamoxifen nicht mehr wie sonst. Die Tumore wuchsen 2,6-mal schneller als bei den Tieren, die nachts im Dunklen gehalten wurden. Außerdem reagierten die Tumore nicht mehr auf Tamoxifen, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Cancer Research“.

Obwohl das Experiment in Ratten durchgeführt wurde, habe es Konsequenzen für Patienten, sagt Hill: „Selbst schwaches Licht während der Nacht kann dazu führen, dass der Tumor resistent gegen das Medikament wird.“

Wenig Melatonin lässt Brustkrebszellen "aufwachen"
Die Ursache liegt im Hormon Melatonin, das bei Ratten wie Menschen den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Es wird normalerweise nachts von der Zirbeldrüse gebildet. Solange das Gehirn aber Licht wahrnimmt, produziert die Drüse kein Melatonin. Dass Melatonin einen Effekt auf Krebs hat, ist schon länger bekannt. „Hohe Melatoninkonzentration in der Nacht lässt Brustkrebszellen ,einschlafen‘“, sagt Hills Kollege David Blask. In diesem Zustand seien sie anfällig für Tamoxifen, weil bestimmte Schlüsselprozesse des Wachstums und der Krebsentwicklung abgeschaltet seien. „Aber bei Licht werden die Zellen ,geweckt‘ und ignorieren Tamoxifen.“
„Wir wissen nicht, wie viel Licht nötig ist, um die nächtliche Melatoninproduktion zu hemmen“, sagt Hill, „aber wir denken, dass schon das Licht einer Straßenlaterne, das durchs Fenster fällt, ausreichen könnte.“ Sobald Hill den Ratten, die nachts Dämmerlicht ausgesetzt waren, Melatonin spritzte, sprachen die Tumore wieder auf das Medikament an und schrumpften. Deshalb Melatoninmedikamente einzunehmen, rät Hill jedoch ausdrücklich nicht. Dazu seien die Untersuchungen noch nicht weit genug fortgeschritten. Das Hormon zur falschen Zeit zu nehmen könne genau wie Licht zur falschen Zeit die innere Uhr verstellen und negative Auswirkungen auf die Krebserkrankung haben. Vielleicht sind Licht und Melatonin gar einer der Auslöser von Brustkrebs. Einer Theorie zufolge könnte es einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden nächtliche Beleuchtung in Industrieländern und der steigenden Zahl von Brustkrebsfällen geben.

Quelle: Der Tagesspiegel

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