Ein rätselhafter Patient: Kopfschmerzen nach Sonnenaufgang



Von Heike Le Ker

Seit seiner Kindheit klagt ein mittlerweile 34 Jahre alter Mann über Kopfschmerzen. Das Sonderbare: Sie scheinen abhängig davon zu sein, wann er aufsteht. Das bringt die Neurologen auf eine Idee.
Kopfschmerzen gehören schon seit Jahrzehnten zum Leben des Mannes, der sich in der Militärmedizinischen Akademie Gülhane im türkischen Ankara vorstellt. Seit seiner Kindheit, so der 34-Jährige, leide er unter den Schmerzen. Als Siebenjähriger habe er einen Autounfall gehabt, in der Notfallsituation damals habe man nicht Auffälliges gefunden.
In den vergangenen Jahren hätten die Kopfschmerzen dramatisch zugenommen. Mittlerweile leide er beinahe täglich darunter und habe tränende, rote Augen. Wenn er zu wenig schlafe und auf Reisen sei, nähmen die Beschwerden zu. Auch Fernsehen, helles Licht und längere Computerarbeit verschlimmerten die Probleme.
Außerdem berichtet der Mann von einer seltsamen Beobachtung: Immer wenn er vor Sonnenaufgang aufstehe, habe er gar keine Kopfschmerzen. Schlafe er aber länger, dröhne sein Kopf den ganzen Tag und er sei gleichzeitig nervös und müde.

Was macht der kirschkerngroße Fleck im Gehirn?

Der Mann hat im Lauf der Jahre viele Ärzte um Rat gefragt, Tage und Wochen in Kliniken verbracht und höchst unterschiedliche Medikamente gegen seine Beschwerden bekommen. Weder Antidepressiva, noch entzündungshemmende Arzneien oder Medikamente, die normalerweise bei Epilepsien gegeben werden, konnten ihm helfen.

Auch über die kleine, runde Struktur in seinem Gehirn, die Ärzte im Laufe der Jahre immer wieder aufmerksam beäugt haben, gibt es kein abschließendes Urteil. Während die einen über einen möglichen Infarkt spekulierten, vermuteten die anderen eher einen mit Flüssigkeit gefüllten Hohlraum mitten im Gehirn.

Die Mediziner um den Neurologen Ümit Ulas in Ankara können zunächst mit den Beschwerden und Befunden nichts anfangen, wie sie im Fachjournal "Cephalagia" berichten. Als sie den Mann untersuchen, fällt ihnen zunächst auf, dass er auf dem rechten Auge nicht richtig sehen kann. Ein zu Rate gezogener Augenarzt stellt fest, dass sich der Patient mit dem Parasit Toxoplasma gondii infiziert hat. Der Befund erklärt den Sehverlust - nicht aber die Kopfschmerzen.
In EEG-Untersuchungen können die Ärzte außerdem keinen Hinweis auf epileptischen Anfälle finden, die andere Mediziner offenbar vermutet und dem Patienten daraufhin entsprechende Arzneien verschrieben hatten.
Die Nervenärzte wollen nun genauer wissen, was es mit der seltsamen Struktur im Gehirn ihres Patienten auf sich hat. Sie schieben ihn erneut in einen Kernspintomografen. Direkt neben dem sogenannten Hypothalamus, wo viele Nervenfasern wichtige Gehirnareale miteinander verbinden, ist ein Fleck zu sehen, der etwa die Größe eines Kirschkerns hat. Bei Kontrolluntersuchungen stellt sich der Fleck immer wieder unverändert dar und sieht auch nicht anders aus als in den älteren Aufnahmen, die den Medizinern vorliegen.

Frisch, ausgeschlafen - und frei von Kopfschmerzen

Schließlich entwickeln die Ärzte eine Theorie: Sie vermuten, dass die Struktur - woher auch immer sie kommt -, die wichtige Verbindung zur Zirbeldrüse stört. Hier stellt das Gehirn das für den Schlaf-wach-Rhythmus erforderliche Hormon Melatonin her. Es wird normalerweise in der Nacht vermehrt ausgeschüttet und am Tag durch den Einfluss von Licht gehemmt. Wird das Hormon nicht ausreichend hergestellt, kommt es häufig zu Schlaf- und Gedächtnisstörungen.
Bei dem Mann könnte dieser Tag-Nacht-Rhythmus des Hormons aus dem Takt geraten sein, spekulieren die Ärzte. Forscher beobachten seit längerem, dass die Höhe des Melatonin-Spiegel mit der Entstehung von Kopfschmerzen zusammenhängt. So haben etwa Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen durchschnittlich niedrigere Melatonin-Konzentrationen als gesunde Kontrollpersonen. Ob das Hormon Kopfschmerzen tatsächlich verhindern kann, ist noch unklar.
Die Neurologen starten einen Therapieversuch: Sie verschreiben ihrem Patienten jeden Tag drei Milligramm Melatonin, das er vor dem Schlafengehen zu sich nimmt. In der EU ist Melatonin als Arzneimittel gegen bestimmte Schlafstörungen zugelassen und verschreibungspflichtig.

Der Erfolg lässt nicht lang auf sich warten: Schon nach einer Woche berichtet der Mann, dass er sich ausgesprochen frisch und ausgeschlafen fühle. Das Wichtigste aber sei: Er habe kaum noch Kopfschmerzen. Auch ein Jahr später ist das Mann noch nahezu beschwerdefrei.

Quelle: Spiegel


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